Wer sind wir?

Normalerweise machen wir uns nicht viele Gedanken darüber, wer wir sind. Von Kind an entwickeln wir eine Persönlichkeit, abhängig von dem Umfeld, der Kultur und der Gesellschaft in die wir hinein geboren werden. Wir entwickeln eine Identität ohne uns zu hinterfragen, wie diese Identität genau entstanden ist. Diese Frage scheint sich uns selten bewusst aufzudrängen. Wir haben ein Gefühl für uns und was wir sind. 


Wenn wir uns dieser Frage aber bewusst stellen, merken wir plötzlich, dass sich diese Frage nach dem wer sind wir, nicht so einfach beantworten lässt, wie es unser Gefühl zuerst glauben lässt. Sehr bald merken wir, dass wir nicht diese eine Identität und Persönlichkeit sind, sondern, dass auf diese Frage mehrere Antworten in Frage kommen.

 


Identitäten

Wir realisieren, dass wir in unserem Leben viele unterschiedliche Identitäten übernehmen. Wir sind gleichzeitig Sohn, Bruder, Ehemann, Freund, Schweizer, Beruf, usw. Wir sagen, wir haben diese und jene Eigenschaften, diese und jene Interessen, diese und jene Vorlieben und Abneigungen. Wir sind also nicht eine singuläre Identität, sondern ein kompliziertes Konstrukt von einer Persönlichkeit. Zuweilen in einer Komplexität, dass wir selber nicht alle Aspekte unserer Persönlichkeit verstehen und auch selber wieder über uns selber zum staunen kommen, weil wir plötzlich anderes denken oder reagieren, als wir das selber von uns erwartet hätten. Kommt ja noch dazu, dass all diese Identitäten, Vorlieben und Abneigungen nicht statisch sind, sondern einem Wechsel unterliegen oder auch gänzliche neue Identitäten dazu kommen. Zuerst ist man nur Sohn, dann hat man eigene Kinder und wird selber zum Vater, wobei die Rolle des Sohnes aber nicht endet, sondern weiterhin existiert. Zudem machen wir laufend neue Erfahrungen, wodurch die bestehenden Identitäten einem steten Wandel unterliegen. Da stellt sich die Frage, bin ich wirklich all diese Dinge, die sich zudem noch stetig verändern und über deren Komplexität es praktisch unmöglich ist die Übersicht zu bewahren. All diese Aspekte sind Ausdruck unseres individuellen Lebens und sind, wie erwähnt in Abhängigkeit des Umfeldes in welches wir geboren sind. 


Auf das Umfeld haben wir keinen bewussten Einfluss. Auf die Ausprägung in unserem täglichen Leben, wie weit wir uns von diesen Einflüssen steuern lassen, haben wir schon einen gewissen Einfluss. Dies ist aber das Thema eines anderen, zukünftigen Blogs. Hier soll es um unsere Identität gehen. Was geschieht mit all diesen abhängigen und veränderlichen Aspekten bei unserem Tod. Einmal vorausgesetzt unsere Existenz ist nicht an die physische Welt gebunden, wird also etwas weiter leben. Was nützt aber die weiterführende Existenz von Vorlieben und Abneigungen für jenes oder dieses Essen, wenn wir keinen Körper mehr haben? Was nützt die Identifikation mit einem Beruf, wenn ich ohne physischen Körper keinen Beruf mehr ausüben brauche? Was nützt die Identifikation mit einem Hobby usw? Wir sehen also, dass 99% unsere Identifikationen im Leben direkt und indirekt mit dem physischen Körper im Zusammenhang stehen.


Identifikation mit unserem Denken

Diese Überlegung führt dazu, festzustellen, dass wir nicht diese 99% der Identifikationen sind, die an einen endlichen Körper gebunden sind. Doch was sind wir dann? Descartes sagte, "Ich denke, also bin ich". Denken ist Bewusstsein und wenn wir davon ausgehen, dass das Bewusstsein nach dem Tod weiter existiert, dann bin ich also mein Denken. Betrachten wir nun mal unsere Denkapparat etwas genauer.

Jeden Moment jagen viele Gedanken durch unsere Bewusstsein, das Meiste davon sinnloses Zeug, Zeug welches wir nicht mal bewusst wahrnehmen.

Nun müssen wir den vorangegangen Satz etwas genauer lesen. "Gedanke gehen durch unsere Bewusstsein". D.h. schon mal, dass die Gedanken vom Bewusstsein verschieden sind. Das Meiste davon nehmen wir nicht bewusst wahr. Wenn ich aber meine Gedanken wäre, würde nichts mehr weiter existieren, was sie wahrnehmen würde. Ich wäre meine Gedanken! Und fertig aus! So aber bin ich etwas, hinter den Gedanken, was die Gedanken wahrnehmen kann.Nun kommen wir dem wir sind schon näher.Wer sich mit seinem Denken auseinandersetzt, es beobachtet, ja sogar darüber meditiert, findet recht schnell heraus, dass er nicht der Denker und nicht das Gedachte ist. Trotz dieser Erkenntnis, hat man aber noch nicht erkannt was man ist, sondern man hat ein weiteres Teil erkannt, dass man nicht ist. Das was man ist, kann eben nicht gedacht werden, da Sprache ein gedankliches Konstrukt ist, kann es eben auch nicht in Sprache gefasst werden. Der einzige Weg, sich dem Selbst zu nähern, ist der Weg der Negation. Ich bin nicht, Sohn, Beruf, Vorlieben, Hobbys, und ich bin eben nicht mein Körper und alles was damit zusammenhängt. Dem Selbst kann man sich nur in Kontemplation und Meditation jenseits der Sprache näheren. Ich versuche hier noch die vedischen Lehre des Selbst in Worte zu fassen.


Das Bild der Veden

Die Veden lehren, dass wir eine unveränderliche Seele, genannt Atman, haben, welche hinter allen Identitäten steht und als allgegenwärtiger Beobachter alle Erfahrungen beobachtet, ohne selber daran beteiligt oder beeinflusst zu sein. D.h. egal welche Erfahrung wir in unserem Leben gerade machen, der Atman bleibt davon unbeeinflusst. Er ist keinen Gefühlen von Abneigung oder Vorliebe unterworfen, er kennt kein Einteilen in gute und schlecht Erfahrungen! Er ist der neutrale, stete Zeuge von unserem Leben, er ist unsere unveränderliche, stets glückliche Individualseele. Neben dem Atman gibt es noch den Jiva. Der Jiva ist eine Erweiterung des Atman. Im Jiva finden sich eben auch gewisse Aspekte unserer Persönlichkeit, unseres Intellekts, unserer Vorlieben und Abneigungen. Es ist der Jiva, der von einem Leben zum nächsten reist, stets einen neuen Körper an nimmt. Der Jiva ist eben auch veränderlich und daher nicht ewig. Es ist unsere Aufgabe, alle im Jiva gespeicherten Aspekt unserer Seelenindividualität zu transzendieren, sodass keine individuellen Aspekte mehr übrig bleiben, sodass Jiva und Atman identisch sind und sich mit dem höchsten Atman, der Überseele (Brahman) vereinen können. Die Veden sprechen hier von einer Kultivierung der Persönlichkeit, des Jivas, bis hin zu einer totalen Kontrolle aller Aspekte des Jivas (Sinnesbefriediegung, Verstand, Intellekt, Ego usw.). Werden alle diese Aspekte kontrolliert und nicht mehr nachgegangen in physischer Befriedigung, dann kann die Erleuchtung eintreten und der Atman wird eins mit Brahman und das Rad der ewigen Wiedergeburt wird für immer durchbrochen. Der Atman erfährt nun ewige, transzendentale Freuden, anstelle der endlichen, materiellen Sinnesbefriedigung.

 

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